Fehler sind schlecht, oder?

Sie biegen an der Ampel links statt rechts ab, verfahren sich und kommen daher zu spät zu einem Termin. Sie vergessen, sich eine Fahrkarte für den Bus zu kaufen und werden dann kontrolliert. Sie tanken Diesel statt Benzin und ruinieren sich den Motor. Fehler führen immer zu negativen Konsequenzen, oder?

Sie hören Ihre 3-jährige Tochter sagen: Ich hab‘ heute im Kindergarten Pizza geessen. Ihr italienisher Arbeitskollege fragt sie nach einem Fußballspiel: Wer hat das Tor geschissen? Oder Ihre nigerianische Putzfrau fragt Sie: Ich heute putzen? Fehler sind immer schlecht, oder?

Nein. Fehler sind nicht immer schlecht.

Fehler Zeichen von Fortschritt. Sehen wir uns das Beispiel des 3-jährigen Mädchens noch einmal an: Zwar hat sie statt gegessen geessen gesagt, aber wir können festhalten, dass sie die Struktur des Perfekts (haben/sein + Partizip II) sowie die Bildung des Partizips II (ge- -t/-en) verstanden und angewandt hat. Sie hat sogar erkannt, dass essen ein starkes Verb ist und daher das Partizip II mit der Endung -en bildet. Nur die Unregelmäßigkeit des zusätzlichen -g- hat sie noch nicht erkannt. Ist es also etwas Schlechtes, dass sie den Fehler gemacht hat?

Im Hinblick auf das Sprachenlernen können wir festhalten, dass Fehler nur gemacht werden können, wenn die Sprache benutzt, also gesprochen oder geschrieben, wird. Dabei gilt der einfache Grundsatz: Sprechen lernt man durch Sprechen und Schreiben lernt man durch Schreiben. Wer nicht spricht und nicht schreibt, der macht auch keine Fehler. Um Fehler zu machen, muss man also sprechen oder schreiben.

Warum sind Fehler beim Sprachenlernen ein Zeichen von Fortschritt?

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Fehler beim Sprachenlernen immer ein Zeichen von Fortschritt sind. Einerseits deshalb, weil sie zeigen, dass die Sprache genutzt wird und andererseits auch deshalb, weil sie, wie oben beschrieben, oft Ausdruck von erkannten Regeln sind, die übergeneralisiert werden. Der Fortschritt zeigt sich also dadurch, dass die Regel erkannt wurde, während das Problem lediglich darin besteht, dass der Geltungsbereich der Regel noch nicht eingegrenzt werden konnte. Daher ist ein Fehler wie „Ich hab‘ heute im Kindergarten Pizza geessen“ als ein Schritt auf dem Weg zur kompetenten Sprachverwendung zu sehen.

Scheuen Sie sich also nicht, in der Fremdsprache zu sprechen und zu schreiben. Denn selbst, wenn Sie Fehler machen, werden Sie dadurch lernen. Das Schlechteste, was man beim Sprachenlernen machen kann, ist, zu warten, bis man perfekt sprechen kann, bevor man anfängt, zu sprechen. Denn dorthin kommt man nur durch Sprechen.

Wie ist Ihre Herangehensweise an Fehler? Ist es Ihnen peinlich, Fehler zu machen? Hält Sie das davon ab, die Fremdsprache zu benutzen? Vielleicht haben Sie diese Scheu ja bereits überwunden. Wie haben Sie das geschafft? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare!

J.G. Deutschlehrer

Ein Beitrag von Johannes G. – Deutschlehrer